Gut über Angst reden

Ich spreche gerade viel mit Fremden, mit Freunden, mit Klienten, und alle landen irgendwann beim Thema Angst. Gerade heute scheint ein Tag zu sein, an dem viele besonders erschöpft, besonders besorgt, besonders nah am Wasser gebaut sind. Eine Woche ist knapp geschafft, die so ganz anders war als die davor. Keine Arbeit mehr oder aber viel zu viel. Sorgen um Gesundheit, Angehörige, Zukunft, Finanzen, nächste Woche, nächsten Monat – was wird? Mehrfach las ich den Gedanken – und hatte ihn auch schon selbst – man müsste doch vorspulen können: 4 Wochen, 6 Wochen, 3 Monate, ein halbes Jahr…dann wüsste man, wie es weitergegangen ist.

Leider geht das nicht, nicht mal bis morgen. Jeder Tag ist neu, belastet anders. Jeder Tag bietet zum Glück in der Regel auch neue, besondere Momente, die voller Freude und Lachen statt Furcht sind. Die durchbrechen kurz die Sorgen. Daran kann man sich ein bisschen entlang hangeln. – Hier waren es heute zwei Söhne, die mich plötzlich am Herd umarmt haben – „Aufkuscheln!“

Die Frage, die mir aber immer wieder gestellt wird, ist die nach dem Umgang mit unseren Ängsten in Bezug auf unsere Kinder. Bisher sprach man mit ihnen über die eigene Sorge, ein Fremder nähme sie irgendwo mit oder sie würden nicht gut aufpassen beim Überqueren der Straße. Man redete mit ihnen über ihre Ängste vor Monstern, dem ersten Referat oder dem Vorspielen in der Musikschule. Aber das jetzt ist neu. Eine „Krise“, für uns selbst auch so ungewiss, weniger greifbar als ein doofer Mathetest. Und dabei ist sie doch auch so arg real: nicht eine theoretische, eher unwahrscheinliche Möglichkeit wie der Fremde im weißen Lieferwagen – nein, wir stecken mittendrin.

Dialog mit Sicherheitsnetz

Wie reden wir darüber? Wie macht Ihr das?

Ich finde wichtig, dass wir

  • über alle Ängste reden, die die Kinder äußern, und da nichts einfach wegdrücken
  • über unsere Sorgen sprechen, die uns gemeinsam konkret betreffen
  • nicht über unsere Sorgen sprechen, die wir selbst kaum beherrschen können – zumnidest nicht mit Kindern im Grundschul- oder Kleinkindalter, bei Teenies muss man das sehr individuell einschätzen

Warum finde ich die o.g. Punkte wichtig?

  • Mit den Kindern müssen wir über ihre Ängste reden, bevor sie zu groß werden. Wir müssen sie aktiv angehen. Das heißt in einem Moment voller Angst, die auch körperlich herauskommt, können wir zusammen springen, die Hände kneten, schreien, pfeifen, zusammen klatschen…alles was körperlich Anspannung rausleitet. Und grundlegend können wir Bilder malen oder Blätter vollschreiben mit den Sorgen der Kinder – und dann loslegen und Lösungsideen suchen. Recherchiert zusammen: Wie wahrscheinlich ist es, dass X eintrifft? Welche Schritte würde man dann unternehmen? Können wir eine Antwort, die wir heute noch nicht kennen, vielleicht morgen finden? Was können wir unternehmen? Was müssen wir aushalten (und schaffen das gemeinsam!)?
  • Das gleiche gilt für unsere konkreten Sorgen, die den Lebensalltag des Kindes betreffen: Darüber müssen wir reden, Lösungen suchen, Gedanken sammeln – aktiv werden! Wie regeln wir den Einkauf, die Betreuung, das Arbeits- und Schulpensum? Wie bekommt Opa seine Lebensmittel? Sagen wir den Urlaub ab? Wie feiern wir Ostern? Wie können wir ein bisschen Geld sparen?
  • Aber große, diffuse Ängste, die in Euch stecken (und nicht von den Kindern ausgesprochen werden!), gehören nicht in die Gespräche mit den Kindern. Ihr könnt sagen, dass es Euch nicht gut geht, aber Details besprecht Ihr am besten mit einem anderen Erwachsenen. Denn für diese Sorgen gibt es zzt. vermutlich oft nicht wirklich Lösungswege. Und bei manchen weiß man gar nicht, ob sie realistisch gesehen eintreffen könnten, aber sie sind trotzdem in uns. Unsere Kinder müssen jedoch nicht hören, dass der Onkel, der Papa der Freundin oder die Nachbarin eventuell ihr Geschäft verlieren werden; sie müssen nicht hören, dass Ihr Euch sorgt, auch in Deutschland könnte es soweit kommen, dass Ärzte sich entscheiden müssen, wem sie das Beatmungsgerät geben.

Nehmt Eure Kinder ernst, teilt Eure Gefühle, wenn es passt, aber belastet Eure Kinder nicht unnötig.

Je jünger sie sind, desto konkreter sollten die Themen sein, die Ihr ansprecht:

  • das ist meine Sorge
  • für Dich bedeutet das das folgende
  • so können wir es angehen

Und beachtet: Kinder sehen und fühlen besser, was wir tun und wie wir uns geben, als dass sie hören, was wir sagen. Es braucht also nicht immer Worte, sondern vor allem positive Grundstimmung und Umarmungen. Könnt Ihr keine Zuversicht ausstrahlen, arbeitet mit anderen Erwachsenen daran, das zu verbessern (noch mehr Gedanken findet Ihr hier). – Und ja ich weiß: das ist immer schwer und gerade jetzt. Es kann nicht immer gelingen. Es ist nur ein Impuls, in welche Richtung es gehen sollte.

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