Gefühlsstark in der Schule

Achtung: Bitte lies diesen Text als informativen Text über mögliche Verläufe und Ursachen von Schulproblemen. Nur weil irgendein Teil von dem Beschriebenen bei Euch Thema ist, ist noch nichts ausgesagt über Erziehungsstil oder Bindungstyp bei deinem Kind. Dies ist kein Text der etwas bei dir persönlich aufdecken will, sondern der Wissen vermitteln möchte. Damit jede:r besser hinschauen, verstehen, nicht übersehen kann. Damit jede:r aber auch andere ansprechen, Dinge beobachten oder manches ausschließen kann. Damit du verschiedene Faktoren im Leben (d)eines gefühlsstarken Kindes besser sehen kannst. Damit klar wird, warum Bindung und Beziehung so relevant sind, auch fürs Lernen.

Gefühlsstark bringt in der Regel regulationsschwach mit sich – ankommende Gefühle zu sortieren, zu verarbeiten und anderen Menschen in diesem Spannungsfeld zu begegnen, fällt ebenso schwer, wie sich Unterstützung bei der Regulation, also der Gefühlsverarbeitung, zu suchen. Wenn du ein gefühlsstarkes Kind hast, weißt du sicher sehr genau, was ich beschreibe. Dein Kind tut sich schwer mit allen Emotionen und kann nicht gut dafür sorgen, dass es Hilfe bekommt. Es muss viel üben, lernen und ist auf aktive Hilfe von Bezugspersonen angewiesen. Das ist im familiären Alltag schon herausfordernd, aber im schulischen Bereich kann es nochmal besonders anstrengend werden.

Warum?

Schauen wir nur mal auf die Situation, dass im Unterricht ein Themenfeld drankommt, dem dein gefühlsstarkes Kind im ersten Moment mit der Erwartungshaltung “Das kann ich nicht.” begegnet (All die anderen Momente, in denen Gefühle hochkochen können, bleiben für dieses Beispiel außen vor, damit du sehen kannst, was allein im ganz normalen, typischen Unterricht fordernd sein kann.). Regulationsstarke Kinder hätten verschiedene Möglichkeiten, um damit umzugehen. Sie könnten das Ganze bewerten und eine bekannte Strategie wählen, zum Beispiel:

  • Selbstständig und konstruktiv: “Es ist viel. Ich lern mal lieber intensiv dafür.”
  • Regulationssuchend: “Es ist schrecklich. Ich suche mir Trost und Unterstützung.”
  • Flüchtend: “Es nervt mich. Ich denk lieber an etwas anderes.”

(Nicht alle Strategien sind gut, aber diese helfen zunächst mal beim Umgang mit dem Stress.)

Dein regulationsschwaches Kind wird erst einmal in Gefühlen gefangen sein: Angst, Sorge, Panik vielleicht. Wut bis hin zu Aggression kann hochkommen. Seine Motorik wird dadurch eventuell stark angestoßen werden, und seine Impulskontrolle, also das Kontrollieren und Bremsen der sofortigen Handlungen ohne weiteres Nachdenken, fällt ihm dabei auffallend schwer.

Bedeutung der Erfahrungen zu Hause

Ist dein Kind sicher gebunden, hat also feinfühlige Bezugspersonen zu Hause, die seine Bedürfnisse recht gut erkennen und beantworten können, kann es in der Regel mit der Zeit immer besser auch zu sich selbst feinfühlig sein, die oben genannten Reaktionen wahrnehmen und bewusster Strategien zum Umgang anwenden. Aber es braucht Zeit dafür, gerade in den ersten Schuljahren sicher noch! Üben, üben, üben. Aber du kannst auf dieser Grundlage besser verstehen, was in ihm los ist, und dies ggf. auch mit den Lehrer:innen besprechen. Regulationsschwäche kann hemmen beim Lernen sowie eben auch dabei, Hilfe zu suchen und anzunehmen.

Ist dein Kind möglicherweise eher unsicher-ambivalent gebunden, was ganz vorwurfs- und schuldfrei beispielsweise eben bei einem herausfordernden Kind passieren kann, da eine feinfühlige Begleitung unheimlich anspruchsvoll ist, dann wird ihm der Umgang mit dem Stress durch “Das kann ich nicht.” schwerer fallen. Unsicher macht es wackelig im Umgang mit und Suchen von Bezugspersonen; ambivalent bedeutet, es sucht mal extreme Nähe und geht mal extrem und eventuell unangenehm (aggressiv) auf Abstand zu Bezugspersonen.

Warum und wie kommt es genau dazu?

Die unsicher-ambivalente Bindung kann entstehen, wenn Eltern in Momenten, in denen ihr Kind Stress hat und Bindung sucht, wechselhaft reagieren: mal liebevoll, mal überfürsorglich, mal ablehnend. Das kindliche Bedürfnis wird mal gut beantwortet, mal schlecht.

Und nochmal: Das passiert im Alltag leicht und hat vielfältige Ursachen. Eigentlich passiert es sogar allen Eltern, aber es kommt auf das Verhältnis von guten und schlechten Bedürfnisantworten an. Es ist kein Thema, um Schuld zu suchen oder zuzuschieben, sondern um hinzuschauen, was hinter einem auffallenden Verhalten eines Kindes stecken kann – und um hinzuschauen, was wir Eltern möglicherweise an unserem Part verändern sollten.Ist dein Kind in der Schule auffällig, schau auf jeden Fall auch auf diese Seite, auf das Verhalten aller Bezugspersonen, ggf. mit beratender Hilfe, um nichts zu übersehen. Vielleicht entdeckst du auch, dass das Thema euch gar nicht betrifft.

Ist das Verhältnis von guten und schlechten elterlichen Antworten auf die kindlichen Bedürfnisse nicht ausreichend okay, ist das Kind möglicherweise unsicher-ambivalent gebunden. Das heißt es selbst sucht mal Nähe, vielleicht übertrieben intensiv, und mal Abstand, möglicherweise auf ungute Weise, indem es sogar auffallend aggressiv reagiert, wenn es eigentlich regulationsbedürftig ist, also Hilfe bei der Gefühlsverarbeitung bräuchte.

  • “Das kann ich nicht.” führt dann womöglich zu ALARM! und Wutausbruch. Weil das Kind nicht weiß, wie es sich reguliert oder Hilfe suchen kann, denn zuverlässige Hilfe in der Mehrheit aller Bedürfnisfälle kennt es vielleicht nicht. Oder weil es nicht sicher ist, das der oder die Helfende kontinuierlich bleibt, ohne das Kind zu enttäuschen. Aggression ist seine Strategie.
  • “Das kann ich nicht.” führt dann eventuell zu Klammern an die Lehrkraft. Weil das Kind händeringend und unselbständig Hilfe von außen braucht. Sein Bedürfnis ist riesig. Nähe “erzwingen” ist seine Strategie.

(Die Strategien sind nicht kalkuliert und “boshaft”! Es handelt sich um Angwohnheiten im Antworten auf das Verhalten der Bezugspersonen.)

Und die Lehrkraft?

Weiß die Lehrkraft um Bindungsthemen oder hat sie einfach das richtige, sensible Händchen für solch ein Kind, wird sie hilfreich reagieren und sowohl bei Wut als auch bei Klammern zugewandt statt distanziert reagieren: dem Kind Sicherheit geben, ihm das Thema nochmal erläutern, Bewältigungsideen mitgeben. Seine Gefühle und seine Strategien in Worte fassen. Berechenbar sein. Sich um Beziehung und Sträkung des Kindes bemühen.

Damit kann ein regulationsschwaches Kind in der Schule aufgefangen werden – übrigens auch, wenn es sicher gebunden ist und nicht extrem auffällt in den Reaktionen! Beziehung, Feinfühligkeit, Zuverlässigkeit ist es, was das/jedes (Schul-)Kind benötigt.

Sollte es unsicher-ambivalent gebunden sein, kann die Lehrkraft mit einem zugewandten, sensiblen Verhalten den entscheidenden Anstoß geben, dass das Kind seine eigene Ambivalenz (Alarm!? Klammern!? Hin und her.) nach und nach loswerden kann. Das wird aber dauern. Denn wenn die Lehrperson sich auf Grund der Klassengröße natürlich irgendwann anderen zuwenden muss, wird das gefühlsstarke, unsichere Kind unter Umständen wieder leiden, enttäuscht sein, sich zurückgewiesen fühlen. Wie vielleicht auch zu Hause manchmal. Das braucht Zeit, immer wieder Berechenbarkeit und Nähe. Beziehung. Bindung. – Lehrkräfte können hier viel Hilfe geben. (Aber auch zu Hause kann natürlich jederzeit daran gearbeitet werden, Bindung zu verbessern, wenn klar wird, dass es Problembereiche gibt.)

(Das Bindungsverhalten der Lehrperson ist noch ein weiteres Thema, das hier aber zu weit führen würde.)

Beispielsweise darum kann Schule für gefühlsstarke, regulationsschwache Kinder herausfordernd sein. Darum sind Wahrnehmung, Fühlen und Regulation so relevant: kennenlernen wie man fühlt und funktioniert, daran arbeiten, wie man reagiert. Darum sind Beziehung und Bindung so wichtig.

Lektüretipp:

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