Ein Brief: Unser gefühlsstarkes Kind

Im Rahmen des Austausches über gefühlsstarke Kinder in der von Nora Imlau gegründeten Facebookgruppe kam es zu der Bitte an mich, einen Brief zu entwerfen, den Familien ihren Verwandten, Nachbarn, Freunden geben können, die ihr Erzieherverhalten und das gefühlsstarke Kind selbst nicht verstehen bzw. in Frage stellen. Nora selbst hat einen solchen Brief bereits geschrieben und ihrem Buch „So viel Freude, so viel Wut“ beigefügt. Sie las ihn bei der Buchpremiere vor, was ein sehr bewegender Moment war, denn viele der anwesenden Eltern fühlten sich endlich, endlich so verstanden und gesehen. Diesen Brief möchte ich nicht verbessern, sondern einfach aus meiner Bertaungspraxis heraus auch ein Exemplar verfassen und zur Verfügung stellen, da ich immer wieder spüre, wie notwendig das ist, und vielleicht hilft es, wenn solch ein Schreiben hier abgerufen werden kann. Ggf. könnt Ihr es an Eure Situation anpassen.

Ihr Lieben,

wir danken Euch sehr für Euren Blick und Euer Interesse an uns und unserem Kind. Eure Gedanken haben uns sehr bewegt. Wir haben uns aber selbst natürlich schon viele Gedanken gemacht und sind zum Glück schon ein Stück weitergekommen. Davon möchten wir Euch in diesem Brief erzählen, damit Ihr uns und unser Kind besser versteht und Euch weniger Sorgen machen müsst – und auch damit Ihr seht, wie Ihr uns besser unterstützen könnt, wenn Ihr das möchtet. Schriftlich fällt uns dies etwas leichter, weil das Thema sehr emotional besetzt ist.

Es gibt so viele verschiedene Temperamente, die keinesfalls einer Veränderung bedürfen – heute weiß man das, aber früher galten viele davon als „falsch“, sollten aberzogen oder unterdrückt werden, und das steckt unbewusst oft einfach noch in unseren Köpfen. Nun sind Entwicklungspsychologie und auch Pädagogik zum Glück weiter: es ist okay, schüchtern zu sein, es ist okay, sehr emotional zu sein, es ist okay, besonders lebensfroh zu sein und vieles andere mehr. Nichts davon ist eine Krankheit, nur weil es uns besonders auffällt oder anstrengt!

Unser Kind hat ein gefühlsstarkes Wesen: das bedeutet, dass es alle Emotionen besonders intensiv wahrnimmt und auch auslebt. Freude, Wut, Trauer, Angst, Begeisterung – egal was: es tobt in ihm besonders stark. Das liegt an einer angelegten, vielleicht sogar ererbten körperlichen Veranlagung, für die niemand etwas kann. Sie ist fetsgelegt wie seine Haarfarbe oder sein Knochenbau. Die Reizverarbeitung geschieht anders, sie fällt ihm schwerer, und es benötigt mehr Zeit und Unterstützung beim Umgang mit Gefühlen und Mitmenschen als andere Kinder.

Unser Kind benötigt besondere Stützen im Alltag. Wir sind hier in pädagogischer Beratung, weil das auch für uns eine Herausforderung ist.

Es braucht keine Härte, Strafen, Isolation oder ähnliches, denn das würde ihm nicht helfen, irgendwann stark und selbstsicher sozialverträglich ohne uns Eltern mit anderen auszukommen! Und solche Machtspiele würden es noch unruhiger und unsicherer machen, als es ohnehin schon ist. Es braucht auch keine Vergleiche mit Kindern anderer Temperamentsarten, die sich emotional vermutlich rascher entwickeln.

Nein, es braucht stattdessen Begleitung, Strukturen, „Übersetzung“ mancher Ereignisse, besondere Hilfsmittel für Übergänge oder Wutmomente. Es benötigt Entspannung, „Entstressung“ seines Alltags, und es braucht vor allem Zeit, um sich entwickeln zu können.

Wir bitten Euch um Nachsicht und lösungsorientierte, zugewandte Unterstützung des Kindes. Sagt ihm klar und frühzeitig, was nicht okay ist, aber bitte sagt es ihm respektvoll. Es ist nicht mit böser Absicht fordernder als andere, daher sind Vorwürfe unfair.

Zeigt ihm auch, wie es die Situation anders gehen kann. Oft hilft es schon, wenn unser Kind spüren darf, dass es eine Wahlmöglichkeit hat (A oder B) und dann aber auch auswählen muss (2x fragen und sonst für das Kind entscheiden).

Bitte haltet Euch uns gegenüber mit Tipps zurück; sie verunsichern uns. Wir bekommen Ratschläge von fachkundiger Stelle.

Und wir versprechen Euch, dass wir unserem Kind nach und nach vermitteln werden, wie es selbst Rücksicht auf andere nehmen kann, denn auch das ist in unserem ureigenen Interesse.

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