Worte, die in Kindern wohnen

Wir wohnen an einer Bergstraße. Ganz oben ist ein Kindergarten. Jeden Morgen gehen viele Kinder und Eltern diesen Weg zur Betreuung, und immer wieder sehe und höre ich sie. Manche hopsen fröhlich, andere sitzen müde im Buggy. Einige entdecken unterwegs Zierquitten im Gebüsch oder Steinchen in der Gosse. Wieder andere schimpfen und weinen und schaffen den Weg kaum. Oder erzählen und singen weltvergessen vor sich hin.

Eine Familie fällt mir jedes Mal auf. Jeden Tag. Denn ihr Sohn bemüht sich, den Weg zu gehen, nicht zu stören, doch manchmal ist er neugierig und will sich etwas genauer anschauen. Und manchmal ist er verträumt und bleibt stehen oder lässt etwas fallen. Egal welches Elternteil ihn begleitet, keiner hat ihn dabei je richtig wahrgenommen oder höflich angesprochen.

„Du spinnst doch!“

„Jetzt nerv nicht schon wieder.“

„Verdammt, wegen dir wäre ich fast hingefallen.“

„Kannst du nicht einmal schneller gehen?“

Das hört er jeden Tag. Egal wie er sich verhält. Manchmal geht er dann weiter, beeilt sich. Manchmal verstummt er und versteift. Bleibt stehen. Ist überfordert.

Eben kam ein anderes Kind vorbei. Es mochte den Berg nicht hochgehen. Vielleicht war es auch noch müde. Sein Papa fragte nach, streichelte es, trug es mal ein Stück trotz vieler Taschen, machte Mut, zeigte Verständnis. Keine Ahnung, ob er grundsätzlich immer so zugewandt ist, aber im Vergleich fiel es mir auf. Denn das andere Kind hat noch nie Zugewandtheit erlebt, wenn ich es sah. Keine der beiden Familien benötigte sonderlich viel mehr Zeit als die andere, um den Berg zu schaffen.

Wer bin ich und wie ist die Welt?

Was dahintersteckt, kann man nicht be- oder gar verurteilen. Darüber und über mögliche Hilfen, die es da unter Umständen auch schon gibt, will ich nicht schreiben. Darum geht es mir hier nicht. Ich möchte den Blick auf die Kinder lenken.

Was denken sie wohl über sich? Was denken sie über die Welt? Wie viel Zuversicht ist da? Wie viel Selbstvertrauen? Wie viel Lebensfreude? Wie viel Sicherheit?

Wie gut kommt das jeweilige Kind wohl damit klar, wenn es im Kindergarten ankommt und ein übermütiges anderes ihm gleich an der Garderobe ein Auto ans Schienbein wirft? Wie gut kann das jeweilige Kind es wahrscheinlich aushalten, wenn es im Kindergarten erfährt, dass der heißersehnte Backtag heute ausfallen muss? Wie gut geht es dem jeweiligen Kind wohl, wenn es nach einem reizstarken Kindergartentag abgeholt wird und auf die gleiche Art den Berg bei uns herunterläuft, wie es morgens hoch begleitet wurde? Welches Gefühl hat das jeweilige Kind vielleicht, wenn es abends im Bett liegt und sich eine Pause von der Welt nehmen soll?

Es braucht keine Perfektion und keine wutfreien Eltern. Aber wir beeinflussen den Klang und die Worte, die unsere Kinder im Herzen tragen. „Du bist verkehrt.“ hat keinen guten Klang.

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