Pubertät und Pandemie

Ich begleite zurzeit eine Familie mit einem Jugendlichen, den die Pandemie mehr und mehr auffrisst. Obwohl die Voraussetzungen oberflächlich betrachtet gut sind (engagierte Schule/Lehrkräfte, gute technische Ausstattung für den Distanzunterricht, sinnvolle Aufgabenübermittlung, Elternhilfe, Platz zu Hause, Austausch mit Geschwistern möglich, Kontakte zu Gleichaltrigen online und im kleinen Rahmen offline möglich…), geht dem Teenager langsam die Luft aus. Zunächst erschien der Distanzunterricht hilfreich, denn es geht ihm nicht so gut in seiner Klasse: Er war nie richtig angekommen nach dem Wechsel aus der Grundschule und zeigte sich dort schüchtern und nicht richtig integriert. Nicht mehr täglich dorthin zu müssen, wirkte erst einmal wie eine Erleichterung. Auch die vielen schriftlichen Abgaben kamen seinem Temperament entgegen.

Doch die Zeit zu Hause wurde länger und länger. Die Unstetigkeit der Coronasituation fraß sich ins Gemüt. All die Möglichkeiten, um mit Freund*innen in Kontakt zu bleiben – online und auch draußen im wahren Leben mit Skateboard unter den Füßen oder ähnlichem – verloren ihren hilfreichen Charakter. Dem Teenie ging die Motivation aus!

Schon das Aufstehen fiel schwer!

Kein Ende in Sicht. Ewig gleiche Tage rauschen vorbei. Aufstehen, an Videokonferenzen teilnehmen, mitmachen, all die Gesichter der anderen in der App sehen, wenn man etwas sagen soll… Und dabei keine Hobbys mehr, die Ausgleich und Zufriedenheit sowie vor allem auch Struktur bringen. Der Jugendliche kam an den Punkt, dass ihm nicht nur die Motivation fürs Mitarbeiten in der Schule fehlte, sondern schon fürs Aufstehen. Fürs Bewegen, fürs Hausverlassen, fürs geliebte Malen und Skaten. Und auch die Motivation dafür, das Handy aus der Hand zu legen und sich nicht mehr nur berieseln zu lassen. Selbst den Kontakt zu Freunden über Chats stellte er ein. Zu anstrengend.

Zum Glück bemerkten Lehrkräfte und Eltern, was da passierte und gingen das Thema an. Und das ist wahrscheinlich jetzt in der Pandemie der härteste Knackpunkt: Ist immer jemand da, der Kapazitäten hat, die Veränderungen zu bemerken und auch anzusprechen? Sind die Ressourcen da, diese Hinweise zu hören und mit ihnen zu arbeiten?

In vielen Schulen und Familien ist das nur erschwert möglich. Manche Klassen haben sicher deutlich mehr als einen solchen Fall, die Lehrkräfte aber mit den momentanen Arbeitsbedingungen und oft auch mit ihren eigenen Kindern alle Hände voll zu tun. Und die Eltern müssen Kinder und Jobs versorgen und haben selbst keinen Abreißkalender für die Pandemie zur Hand, der Zuversicht vermitteln könnte. Motivation hätten alle erwachsenen Beteiligten sicher, aber Möglichkeiten? Uffz.

Beziehung

Gibt es dafür Lösungen? Müsste es eigentlich. Politisch?! Das wäre ein Traum. Aber da ist gerade nicht viel. Man hat das Gefühl, alle schwimmen. Wie bei so vielem kann auch dies im Moment nur im Kleinen gelöst werden. Von Mensch zu Mensch.

Im Fall meiner Beratungsfamilie konnte das Beziehungsdreieck aus Lehrer*innen, Eltern und Schüler die enstcheidenen Anstöße geben: Was läuft nicht gut? Was trauen die Lehrkräfte dem Jugendlichen aber eigentlich zu? Was braucht er an Hilfsmitteln? Wo können die Eltern doch noch etwas mehr Fokus, Orientierung und auch Beziehung geben? Wie kann der Teenie selbst wieder zu mehr Ausgleich und Motivation finden?

Das und vieles mehr wurde besprochen und angegangen. Im Moment ist die Lösung, dass…

  • …der Teenager mit einem eigenen Wecker noch vor der Familie aufsteht, kurz joggen und dann duschen geht und zum gemeinsamen Frühstück schon mal gut durchgepustet am Tisch sitzt (Das war seine Idee! Denn er kam drauf, dass Laufen ihm immer gut getan hat.).
  • …er in der Schulzeit bei Videokonferenzen und anderen Arbeiten bei den Eltern im Raum sitzt und nicht mehr allein im Jugendzimmer. Die Nähe hilft bei der Sicherheit und auch bei der Arbeitsbereitschaft.
  • …sein Handy den ganzen Vormittag über nicht genutzt wird. So wird Abschweifen weniger leicht. Das zum Arbeiten notwendige Tablet hat keine anderen Apps installiert.
  • …er die Kamera in allen Videokonferenzen anmacht und sich Meldekarten daneben legt, um sich zu erinnern, sich mindestens zweimal zu melden. Das ist eine Unterstützung für die Eigenmotivation.
  • …er die Ansicht im Videokonferenzprogramm so ändert, dass er nur das Gesicht des oder der Sprechenden sieht und nicht mehr alle Klassenkamerad*innen. Das schüchtert weniger ein.
  • …er an zwei Ergänzungskursen teilnimmt in den Fächern, die ihm besonders Mühe machen, denn er weiß, dass er in einem kleineren Umfeld aus lauter Mitschüler*innen, die nicht so fit sind, mutiger sein kann.
  • …seine Eltern es geschafft haben, ihm zumindest eines seiner Hobbys unter Coronabedingungen wieder zu ermöglichen (mit einer externen Bezugsperson und festen Terminen).
  • …die Lehrkräfte offen sind für seine Wegänderung und ab jetzt engmaschiger mit ihm kommunizieren. Außerdem gibt es fallbezogene, individuelle Lösungen, wenn es irgendwo hakt. Diese Zugewandheit gibt ihm Kraft.

Unsere Kinder brauchen immer das Wechselspiel aus Nähe und Loslassen, besonders in schwierigen Phasen wie der Wackelzahn- oder der richtigen Pubertät, aber speziell auch in dieser Pandemiezeit. Nähe heißt hier Beziehung und Sicherheit sowie Orientierung. Von Eltern- und von Schulseite. Dadurch kann auch ein Teenie in vielen Fällen wieder zu Stärke und Motivation finden.

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