Mehr Raum!

Kennst du das Phänomen, dass dein Kind und sein*e Spielkamerad*in besser zurechtkommen, wenn sie sich im Park treffen anstatt im Kinderzimmer? Oder dass deine Kinder sich in der Wohnung wie Nord- und Südkorea verhalten, aber einträchtig miteinander spielen, sobald ihr im Wald seid?

Dafür gibt es einen Begriff: „Dichtestress“. Er wird auch verwendet rund um Themenfelder wie Massentierhaltung oder Verstädterung. Wenn man ihn sich genauer anschaut, klingt er total logisch: Wir Großen fühlen uns beispielsweise auch oft wohler in einem Zelt oder einem einzelnen Ferienhaus mit Wiese drumherum und Blick auf einen See als im engen Fahrstuhl mit fünf Fremden oder einer total überfüllten Innenstadt am dritten Adventswochenende (Ja…das gab es mal…). Je weniger Platz jeder hat, desto mehr kann das stressen, besonders wenn man emotional oder anderweitig ohnehin schon nicht gerade entspannt ist. Das wird auch häufig in Betreuungssituationen sichtbar: Im Gruppenraum ist Drama, im Sandkasten Sonnenschein!

Wenn ich in den Beratungen dazu rate, mehr Wege zu Fuß zu machen oder mehr rauszugehen, ist das nicht nur einer dieser netten, ständig gesagten Standardtipps wie „Atme einfach, wenn du wütend bist!“, sondern hat (wie der Atmen-Tipp im Übrigen auch) absolut logische Berechtigung. Echter, realer Raum macht weniger Not, weniger Stress. Die Menschen könne sich besser verteilen und bewusst Abstand oder auch Nähe suchen – nicht gezwungenermaßen. Das tut Erwachsenen wie Kindern gut. Diese Freiwilligkeit möglicher Nähe macht unheimlich viel mit Kindern (ein Unterschied, den man übrigens auch häufig beobachtet, wenn man vom Gitterbett auf eine offene Schlafmöglichkeit wechselt: „Ich könnte aufstehen, wenn ich wollte – darum muss ich es nicht!“). Und du als Elternteil hast auch eher die Chance, die Kinder mal ein bisschen auseinanderzubringen, wenn das der Situation regulierend helfen würde.

JA, ich weiß, dass Wohnsituationen und Tagesstrukturen hier oft Verhinderer sind. Aber das Phänomen bleibt. Und es lässt sich schwer in den Griff bekommen, wenn wir Großen nur von den Kindern erwarten, dass sie sich ändern, und selbst nicht prüfen, was wir verändern könnten.

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