Mitgefühl für alle, bitte!

Hm. Ich lese in meiner Elternbubble. Da sind jede Menge Eltern, die suchen nach den besten Möglichkeiten, eine gute Bindung zu ihren Kindern aufzubauen und bis ins Erwachsenenalter hinein eine stabile, positive Beziehung zu ihnen zu haben. Und es sind dort viele Väter und Mütter, die ihr Kind als „besonders“ empfinden: besonders schüchtern, besonders laut, besonders intensiv auf irgendeine Art. Sie suchen Rat und Unterstützung, aber auch Verständnis, Gleichgesinnte sowie Mitgefühl.

Das zeichnet größtenteils den Kreis aus, bei dem ich lese, mit dem ich arbeite, und ich mag das, denn Kinder dürfen sie selbst sein, ihre Emotionen werden zugelassen. Sie lernen unsere elterlichen Bedürfnisse und Grenzen kennen, aber wir übergehen sie nicht dabei. Miteinander, Respekt, Rücksichtnahme.

Und dann lese ich genau in dieser Bubble immer öfter den Gedanken „Uns geht es doch gut in Deutschland. Es könnte viel schlimmer sein.“ in Bezug auf die Corona-Krise.

Inhaltlich kann ich daran den Blick nachvollziehen, dass wir natürlich wahnsinnig gute Voraussetzungen haben, diese Krise durchzustehen. Ja, herrje, es könnte weiß Gott sehr viel schlimmer sein!

Aber was mich fürchterlich wurmt ist dabei der häufig auftauchende Satz „Warum stellen die sich so an??“ Denn es geht uns doch so gut.

Von Eltern, die immer Mitgefühl für ihre Kinder einfordern, Verständnis für sich, Rücksichtnahme auf die Besonderheiten ihres Kindes. Ich wünsche mir, dass wir alle besser hinsehen (und schließe mich da auch gar nicht aus) und zuhören:

  • Nur weil wir etwas erträglich finden, ist es das nicht unbedingt für den anderen. (Wir kennen seine Rahmenbedingungen maximal oberflächlich, mehr nicht.)
  • Nur weil uns etwas leicht fällt, können wir vom anderen nicht erwarten, dass der sich verdammt nochmal zusammenreißen soll, um das auch zu schaffen. (Für unser schüchternes, lautes, intensives o.ä. Kind möchten wir doch auch eine besondere Atmosphäre, besondere Sensibilität bei den anderen Menschen, z.B. der Kinderärztin, der Erzieherin, dem Nachbarn).
  • Nur weil es anderen noch schlechter geht, darf jemandem nicht ausgeredet werden, dass er sich mies fühlt. („First World Problem“ ist kein Argument!)

Mitgefühl als Kompass. Bitte! Danke.

P.S. Und das heißt nicht, dass man auch die Forderungen der leidenden Menschen unterstützen muss. Natürlich kann ich dagegenargumentieren, wenn jemand sagt, er leidet unter der Situation so schlimm, dass nur eine komplette Kita-Öffnung Abhilfe schaffen könnte o.ä. Aber ich sollte ihm nicht absprechen, dass dieser Wunsch verständlich ist. Und ich kann versuchen, mit ihm Wege zu finden, wie er anders Hilfe erfahren kann – ohne ihn zu verlachen und abzuwerten.

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