Ist doch nur Kram!

So oft wird gesagt „Häng Dein Herz nicht dran! Das sind nur Dinge.“ Wenn etwas verloren wurde, wenn es einem schwerfällt, sich von etwas zu trennen, obwohl man die Schränke voll hat – überhaupt wenn es um Krempel geht, Zeugs, Konsum. Eigentlich bin ich darin ziemlich gut. Ich gebe weg, was ich nicht mehr brauche: Kleidung an Freunde oder die Kleiderkammer, Bücher in öffentliche Bücherschränke, zu Momox oder auch an Freunde, vieles kommt zum Sperrmüll, ins Recycling. Gerade bei Büchern sagen dann wieder viele „Wie kannst Du nur? Die muss man doch aufheben!“, aber da behalte ich tatsächlich nur eine Hand voll. Die, die mich besonders bewegt haben. Bei denen ich lachen, weinen, nicken oder alles davon musste.

Dafür stehen hier immer noch CDs, die eigentlich kaum noch jemand in die Hand nimmt. Und ich habe alte Tagebücher in einer Kiste, die verstauben. Oh, und ich habe meinen schwarzen Füller. Von Opa. Den benutze ich auch immer noch, aber eigentlich auch viel zu selten. Was schreibt man denn mit der Hand? Notizen, den Einkaufszettel. Das geht viel rascher und leichter mit Kuli. Doch für meine Briefe, die ab und an aufs Papier müssen, will ich ihn nicht missen. Und außerdem hängt mein Herz dran!

Das verbindet ihn mit so vielen anderen Sachen, die ich behalte, obwohl ich sie nicht verwende: es ist nicht einfach nur Kram. Es steckt etwas in diesem Ding: eine Erinnerung, Gefühle. Was ist das bei Euch?

Bei den CDs ist es das Erinnern an den aufgeregten Kauf damals, das vorausgegangene Sparen, das erste Hören mit der Stereoanlage, das Mitsingen dank des Booklets, das Lesen der Credits darin, das Bestaunen der Fotos. Das kann ich einfach nicht hergeben. Auch wenn die CDs nur noch Staub fangen.

Und der Füller? Der ist von meinem Opa Hans. Dem besten Opa der Welt. Er hatte am gleichen Tag Geburtstag wie ich, und er hat fast immer genauso gefühlt wie ich. Er war immerimmerimmer da. Auch als ich weiter weg wohnte, und nur noch manchmal zu Besuch kommen konnte.

Einmal, am Ende der Schulzeit, war ich wieder zu Besuch, und er ging mit mir los, in Flensburg über den Holm – die dortige Einkaufsstraße. Er wollte mir einen Wunsch erfüllen. Reich war mein Opa nicht, aber er kam zurecht und hat sich immer etwas geleistet für uns: das Eis beim Spaziergang, das Schnitzel im Restaurant, das Puzzle oder die Schallplatte, an der das Enkelinnenherz hing. Jetzt sollte es ein Füller sein. Ein guter! Kein Pelikan aus dem Supermarktregal.

Wir gingen in einen guten Schreibwarenladen, und mein Opa sagte: „Such Dir aus, was immer Du möchtest!“ Der Verkäufer witterte das Geschäft des Tages und legte mir das Teuerste vor, was seine Vitrine zu bieten hatte. Marke neben Marke neben Edelmarke. Ich testete alle durch – und wäre nicht ich, wenn ich beim Testschreiben nicht aufs Preisschild geschielt hätte. Die Zahlen erschreckten mich, aber ich blieb cool, schrieb, probierte – und entschied mich schließlich für einen Parker mit Goldfeder. Das war der Günstigste dieser besonderen Stücke. Etwas anderes wäre für mich nie in Frage gekommen.

Der Verkäufer und mein Opa bemerkten doch, wie ich auswählte, und amüsierten sich kurz. Egal! Es war schön, ich freute mich riesig über genau diesen Füller, mit dem ich so gut schreiben konnte – und aus dem heute noch so wunderbar die Tinte fließt. Über 20 Jahre später.

Wenn ich ihn in die Hand nehme, ist es nicht nur ein Ding, nicht nur Kram. Es ist Flensburg, der Holm, der seltsame Verkäufer, es ist Opa, sein Tennisspielen mit mir, unser Krabbenpuhlen an der Nordsee, unser gemeinsames Marzipaneis.

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