Frühe Betreuung durch Nicht-Eltern

Sperrige Überschrift. Aber sowohl Fremdbetreuung als auch Außer-Haus-Betreuung sind nicht ganz passend. Denn Betreuung durch andere Menschen als die Eltern sollte natürlich nicht durch Fremde passieren, sondern durch Menschen, die man kennengelernt hat und zu denen das Kind in Ruhe eine Beziehung aufbauen konnte – so dass es keine Fremden mehr sind. Und Betreuung durch andere Menschen als die Familie kann auch zu Hause stattfinden, so das auch der zweite Begriff nicht alles erfasst.

Also: Frühe (Vor dem 3. Geburtstag ist da meist gemeint!) Betreuung durch Nicht-Eltern. Durch andere als die primäre und die erste sekundäre Bezugsperson. Durch weitere sekundäre Bezugspersonen.* (Es ist kompliziert!) – Die zu klärende Frage, mit der ich mich befassen will, ist jedenfalls: Warum bin ich nicht dagegen?

*Twitter sagt: „Familien ergänzende oder Familien begleitende Betreuung“ – das mag ich!

  • Weil eine absolute Gegnerschaft und Festlegung auf die Mutter als primäre Bezugsperson als Optimum, an dem kein Weg vorbeiführt, m.E. eine ungesunde Überhöhung der Mutter darstellt, die den Frauen nicht gut tut – und auch den Männern und den Kindern nicht. (Ich spreche nicht von freiwilligen Entscheidungen, sondern von einem Dogma!)
  • Weil eine Bindung auch ohne Stillen und gleiche Gene möglich ist – sprich: ohne das, was vielleicht ausschließlich der Mutter zugeschrieben wird.
  • Weil es mehrere Bezugspersonen geben kann.
  • Weil es für ein Kind nur wichtig ist, dass die Bezugspersonen gute Bezugspersonen sind: Sie sind zuverlässig und feinfühlig, sie nehmen das Kind intuitiv wahr und finden die richtige Balance aus Nähe und Distanz. Sie geben notwendige Regulationshilfe, sie nehmen das Kind in seinem Temperament an und begleiten Individuation und Sozialisation sinnvoll. Sie lassen das Kind Zugehörigkeit, Wert und Liebe spüren, geben Trost und schenken auch Bestätigung, damit das Kind erkennen kann, dass es wichtig ist und etwas leisten kann. (Es gab eine Eingewöhnung.) – Sie müssen dabei nicht perfekt sein, nur #gutgenug.
  • Weil ein soziales Netz etwas positives ist.
  • Weil viele, viele Eltern frühe Unterstützung brauchen.
  • Weil nicht gesagt ist, dass Eltern/primäre Bezugspersonen automatisch eine gute, gesunde Beziehung zu ihrem Kind aufbauen können. Sie kommt nicht von allein durch Verwandtschaft oder das Leben im gleichen Haushalt.
  • Sprich: weil manche Eltern allein nicht alle o.g. Punkte gut erfüllen können und eine gute Betreuung durch andere dem Kind wahnsinnig viel schenken kann – u.a. gute, im Unterbewusstsein abgespeicherte Erfahrungen und schließlich Resilienz!
  • Und weil eine gute Betreuung dem Kind auch dann wahnsinnig viel schenken kann, wenn es zu Hause keine Defizite hat. (Sprich: sie wird natürlich nicht nur bei schlechter Ausgangslage gebraucht oder ist nur dann „legitim“.)

Darum bin ich kein Gegner früher Betreuung durch andere Menschen als die Eltern.

Nein, stattdessen bin ich zum einen tolerant: Es gibt so viele, so gute Wege, die individuellen Bedürfnissen entsprechen und diese erfüllen können. (Das heißt auch: nur weil ich kein Gegner bin, bin ich auch kein Um-jeden-Preis-Befürworter oder aber ein Gegner von kitafreilebenden Familien. Nein! Nein! Nein!)

Zum anderen habe ich aber – auch wegen der oben genannten Gründe – durchaus einen genauen Blick* auf frühe Betreuung durch Nicht-Eltern und wünsche mir an vielen Stellen Veränderung – Warum bin ich nicht einfach dafür?:

  • Und zwar an den Stellen wo die o.g. Punkte nicht ausreichend und tolerierbar erfüllt werden (Wieder: es geht nicht um Perfektion, aber um #gutgenug.), d.h. wenn keine gute Eingewöhnung möglich ist, die Nicht-Eltern keine echten Bezugspersonen werden können, die neuen Bezugspersonen die Beziehungen nicht gesund ausgestalten (können). Das liegt selbstverständlich oftmals nicht an diesen Personen, sondern an den Umständen: vielleicht an ihrer Ausbildung, oft an der Gruppengröße, der Gestaltung der Räumlichkeiten, den Kollegen, an unbearbeiteten eigenen Bindungsthemen u.v.m. – (Und schlechte Beziehungsgestaltung und ungutes Bindungsverhalten kann auch eine Mutter, einen Vater, eine Tante, einen Opa betreffen!! Auch da gilt es selbstverständlich hinzuschauen in bindungsorientierter Arbeit!)
  • Weil derartig schlechte Bindungserfahrungen und Stresserlebnisse das Bindungsverhalten im späteren Leben negativ beeinflussen und das kindliche Gehirn nachhaltig schädigen können hinsichtlich Stressempfinden, Lernfähigkeit und Affektregulation. (Können! Es geht – auf Grund der vielen beteiligten Faktoren – um Risiko und Wahrscheinlichkeiten.)

*auf die Betreuung, nicht auf die Eltern! Es geht mir niemals darum, Eltern vorzuführen oder ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen. Es geht mir um einen guten Weg für die Kinder, nicht gegen die Eltern.

Darum sind mir Bücher wie „Machtgeschichten“ von Anne Sophie Winkelmann oder „Seelenprügel“ von Anke Elisabeth Ballmann und auch „Erziehung prägt Gesinnung“ von Herbert Renz-Polster und viele andere Werke so wichtig, darum finde ich die Arbeit von Karl-Heinz Brisch zu Bindungsdiagnostik und auch die Arbeit von Ballmann beim „Lernmeer“ so relevant, und darum bin ich stolz auf die bindungs- und beziehungsorientierten Lehrhefte von Mildi Karin Sand und mir, die für die Fernakademie für Pädagogik und Sozialberufe entstanden sind. Alles kleine Schritte auf dem Weg dahin, dass die Wichtigkeit von Bindung für zahlreiche, existenzielle Bereiche noch mehr Aufmerksamkeit findet – so dass jede Familie vielleicht irgendwann unbesorgt genau den Weg gehen kann, der sich für sie gut anfühlt.

(Merke: Es ist alles andere als schwarz-weiß. Zumindest in meiner Welt.)

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