EMOTIONEN – Erwarten wir von Hänschen, was Hans noch nicht kann?

Was gehört alles zum emotionalen Lernen?

In manchen Gesprächen fallen Sätze wie „Kognitiv ist mein Kind definitiv schulreif, aber im Sozialen…so emotional…da bin ich unsicher.“ Und das muss sich gar nicht nur auf die Schulreife beziehen. Wie fit ein Kind im Bereich der Gefühlsverarbeitung ist, ist für uns Eltern in vielerlei Hinsicht ein wichtiges Thema. Ist es noch altersgemäß, wenn es ein anderes Kind von der Schaukel schubst, wenn es selbst drauf möchte? Ist es noch im Rahmen, wenn es an der Kleidung zieht und zuhaut vor Unmut? Ist es total verrückt, dass es eine halbe Stunde weint, weil die rote Tasse in der Spülmaschine steckt? Ist es seltsam, dass unser Kind tagelang mitleidet, wenn die Freundin ihren Teddy verloren hat – oder aber dass es ihm absolut egal ist?

Zum Glück gibt es inzwischen zahlreiche Bücher, die Eltern dabei helfen einzuschätzen, was aus entwicklungspsychologischer Sicht in etwa wann zu erwarten ist und wann eher noch nicht ausgebildet sein kann. Mittelfristig hilft das hoffentlich dabei, dass ganz normale Kinder weniger häufig hören müssen, wie falsch sie seien!

Vielleicht hilft es außerdem, sich mal wirklich bewusst zu machen, was in diesem „ominösen emotionalen Bereich“ eigentlich tatsächlich alles gelernt werden muss. Es ist nämlich nicht schlicht „sich endlich mal im Griff haben“, sondern so viel mehr:

  • das Erkennen und Verstehen von Emotionen
  • das Äußern von Emotionen
  • das Regulieren von Emotionen
  • das Anwenden von Empathie
  • das kompetente Bewegen in der sozialen Umgebung

Wenn man sich das mal richtig auf der Zunge zergehen lässt, merkt man, wie umfangreich das ist. Und mal ehrlich: wenn man genau drüber nachdenkt, spürt man auch, wie viele Erwachsene hier noch nicht bei allen fünf Feldern „kann ich 100%ig“ ankreuzen dürfen!

Was steckt hinter den fünf Bereichen?

  • eigene und fremde Gefühle wahrnehmen und richtig einordnen
  • mit oder ohne Worte zeigen, wie man sich fühlt
  • erstmal sich passende Unterstützung suchen, um mit den Gefühlen gut umzugehen; später dies selbständig zu schaffen, ohne andere dadurch zu verletzen
  • spüren, was im anderen los ist, und angemessen darauf zu reagieren
  • alles in Summe anwenden können, um im Zusammenleben mit anderen zurechtzukommen

Ich wünsche mir, dass wir alle uns das immer mal wieder bewusst machen und auch Meckerer im Umfeld daran erinnern. Es ist NICHT normal, dass ein 6-jähriges Kind das fehlerfrei beherrscht. Es ist nicht mal normal, dass seine Eltern alle fünf Felder immer super hinbekommen. Wir sind Menschen und Gefühle sind krass kompliziert!

Frag Dich selbst:

  • Weißt Du immer, was Du fühlst?
  • Kannst Du es immer formulieren?
  • Kannst Du Dich immer zurückhalten, um nicht emotionsgeladen anderen zu nahe zu treten?
  • Kannst Du dabei gut für Dich sorgen?
  • Kannst Du Dir Hilfe suchen und Unterstützung annehmen?
  • Gerätst Du nie mit anderen in Konflikte aufgrund von unangemessenem Verhalten?

Ich wünsche mir eine gesunde Fehlerkultur in diesem Bereich. Wir alle sind Lerner und Über. Fehler gehören dazu. Erst Recht mit 3, 6, 12 oder 15 Jahren. Was dann nicht hilft ist Unmut. Oder Strafe. Es braucht Verständnis und Unterstützung. Miteinander.

Nicht vergessen!

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