Büchersommer

Mein Schreibtisch ist beladen mit einem dicken Stapel an Rezensionsexemplaren. Gerne will ich euch wieder daran teilhaben lassen, welche Bücherschätze ich aktuell empfehlen kann.

Bücher für Eltern:

„Up to dad“ von Carsten Vonnoh

Bindungsträume-Mitglied Carsten hat im Beltz-Verlag sein erstes Buch veröffentlicht: einen beziehungsorientierten Ratgeber für Väter. „Up to dad“ ist ein Buch, das es so noch nicht gab. Wie können Väter, die zwischen den Stühlen „Alte Anforderungen an Männer/Job/Erziehungsideale“ und „Ich will ein moderner Vater sein, der wie die Mama die Hälfte des Familienlebens trägt“ stehen, einen guten Weg umsetzen, ohne dabei sich selbst oder die Partnerschaft zu verlieren? Wie können Sie sehen, was ihre eigenen Prägungen sind und daran arbeiten, um eine gute Beziehung zu ihrem Kind bzw. ihren Kindern nicht zu gefährden?

Carsten betrachtet alle Bereiche, die engagierte Väter beschäftigen können, und gibt bindungstheoretisches bis praktisches Wissen an die Hand, um die Vaterrolle gut auszufüllen. Ich mag, dass er auch vom eigenen, schwierigen Weg erzählt und aus seinen Beratungen berichtet sowie etliche andere Perspektiven einbaut von Menschen, die intensiv mit Eltern arbeiten. Männer, die Beziehungsorientierung kennen und leben möchten, finden hier m.E. genau den Input, der in anderen Ratgebern fehlte, die sich rein auf die Kinder und pädagogische Aspekte beziehen oder aber auf die ganze Familie und Vereinbarkeit gucken. Hier sind die Väter dran! Auch Trennungsvätern sind hier einige Abschnitte gewidmet, die ich im Sinne der Kinder, aber im Grunde im Sinne aller an einer Trennung Beteiligten, allen Lesenden sehr ans Herz legen möchte. Dicke Empfehlung!

„Das Kind wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“ von Nathalie Klüver

Nathalie Klüver habe ich als eine warmherzige, aber vor allem ganz bodenständige Frau kennengelernt, die damit auch für ihre Arbeit an Elternratgeber zwei Dinge vereint, die mir so am Herzen liegen:

  • den kinderorientierten Blick, der nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig verlangt und dabei immer herzlich bleibt
  • und den elternorientierten Blick, der nicht vergisst, dass unser Leben nicht nur aus den Kindern besteht

Das Buch (Trias Verlag) der Bloggerin, die nicht umsonst auf ganznormalemama.com schreibt, holt Erstlingseltern ab mit ganz viel Sicherheit und Gelassenheit, Wissen und Ideen. Ich empfehle es besonders Familien, die schon BO (bindungs-, eziehungs-, bedürfnisorientiert) leben und ein gutes Einsteigerwerk an werdende oder frisch gebackene Eltern verschenken möchten, ohne dass es mit zu viel Geschichtlichem, Sachbuchanteil oder gar Alltagsfremde daherkommt. Nathalie begleitet die Lesenden durch die ersten Jahre voller Fragen zu Stillen, Schlafen, Essen, Spielen, Emotionen, Ich-Findung, Verwöhnen (oder nicht) und Eingewöhnung in der ersten Betreuung bis hin zur Einschulung. Dabei vergisst sie nie die Emotionen und Herausforderungen auf Elternseite. Hier liegt der Fokus besonders auf lesenden Müttern – aber meist sind es auch immer noch diejenigen, die sich mit Lektüren befassen. Nichtsdestotrotz holt das Buch auch Väter ab, und wenn die sich noch mehr Input wünschen, können sie ja bei Carsten lesen (s.o.). Tipp!

„Patchwork Power! So wird die Sache mit der Bonusfamilie zum echten Bonus“ von Marita Strubelt

Elterntrennungen an sich sind schon eine große Herausforderung für alle Beteiligten, die beziehungsorientiert zu meistern ist, was aber oft aus vielerlei Gründen leichter gesagt als getan ist. Entstehen im weiteren Verlauf neuen Familien, ist dieses Patchworkleben die nächste große Aufgabe, die auf Grund der Emotionalität und der vielen Beteiligten häufig anspruchsvoller ist, als man zunächst vielleicht dachte. Marita Strubelt will mit ihrem Buch genau hier helfen, und ich denke, das kann sie sehr gut, denn sie blickt auf alle Beteiligten. Wer hat welche Bedürfnisse? Wie grenzt man sich ab? Wie kommt man aber auch zusammen?

Die Autorin vergleicht die Problematik, in die Stiefeltern im Alltag oft geraten mit einem Hamsterrad und zeigt (mit Hilfe eingängiger Illustrationen), welche Faktoren da alle am Werk sind und vor allem, wie man da gut heraus kommt. Ich mag den Fokus, der auf Bedürfnisorientierung gesetzt ist, sowie die wirklich alltagspraktischen Anleitungen, wie man sich als Stiefelternteil davon befreien kann, sich für alles zuständig zu fühlen, auch wenn es Bereiche sind, die nur die Eltern selbst betreffen.

Mir ganz persönlich gefällt es besonders, dass es (Unter-)Kapitel gibt zu Themen wie „Macht und Ohnmacht“, „Das kompetente Kind“ oder „Adultismus ade – Augenhöhe ist angesagt“ und sogar „Bedürfnisse un-den“. Denn inhaltlich wird hier eine klare Verbindung gezogen zur beziehungsorientierten Pädagogik an sich und sogar in Richtung der unerzogenen Haltung. Damit wird der Ratgeber für mich ein Buch, das ganz auf der Höhe der Zeit zu einem unheimlich relevanten und fordernden Thema Stellung bezieht und Hilfe anbietet. Empfehlung!

Bücher für Kinder (und Eltern):

„Was mir mein Bauch erzählt“ von Julia M. Nagy und Bine Penz

Meine Assoziation, als ich auf den Buchtitel stieß, war, dass es darin sicher um Gefühle ginge. In meinen Beratungen sprechen wir nämlich sehr viel über das Bauchgefühl der Eltern und die Herausforderungen daran, aber auch oft über Bauchweh bei den Kindern und was alles dahinterstecken kann. Dieses wunderschöne Kinderbuch von Tyrolia hat aber einen anderen Fokus, den ich wahrscheinlich eher erwartet hätte, wenn meine Kinder selbst noch kleiner wären: Es geht um Verdauung und weiter biologische Abläufe im Bauch (mit einer ziemlichen Überraschung am Ende der Geschichte). Das Werk ist eher ein biologisches Sachbuch für Kinder – aber was für eins! Es ist ganz anders als die üblichen erklärenden Klappenbücher, die wie Lexika für Kinder daherkommen.

Julia M. Nagy erzählt und baut ohne pädagogischen Zeigefinger und Lehrkraftattitüde Fachbegriffe und Sachinformationen ein, in die die Kinder sich vertiefen können, wenn sie möchten. Sie können aber auch einfach bei der Geschichte bleiben, die Bine Penz so warm illustriert hat. Daher lohnt sich auch ein Kauf des Buches für Kinder, die noch nicht so viel Spaß an Sachkunde haben. Das kann über die Zeit noch kommen und dann kann das Buch nochmal ganz neu entdeckt werden. Die bebilderte Geschichte allein ist auch schon schön. Und die Illustrationen sind einfach so anders als das, was mir sonst zu dem Themenbereich bisher so begegnet ist. Tipp!

„Huch, die Angst ist da!“ von Ulrike Légé und Fabian Grolimund

Angst bei Kindern ist ein Thema das ich aus dem Beratungskontext gut kenne (Da sind wir wieder beim Bauchgrummeln…) und das auch rund um mein Buch „Mein wunderbares schüchternes Kind“ (Link zum Shop von Autorenwelt, wo ich als Autorin mit extra Prozenten am Verkauf beteiligt werde – keine Mehrkosten für dich!) viel Raum in meiner Arbeit eingenommen hat. Denn Angst und Schüchternheit gehen manchmal zusammen. Angst kann aber auch unabhängig vom Temperament auftauchen. Eigentlich kennt jeder Mensch Ängste. Und im Grunde ist das sehr gut so, denn wenn Angst uns vorsichtiger und bedachter macht, tut sie uns ja gut.

Wenn Ängste aber so groß werden, dass sie unseren Körper zu merkwürdogen Reaktionen treibt, und beeinflusst und im Leben hemmt, dann ist es an der Zeit, die Angst genauer anzuschauen. Am besten lernt man einen guten Umgang damit schon als Kind – und hier setzt das Buch von Ulrike Légé und Fabian Grolimund (Hogrefe Verlag) an:

  • Es enthält viel Wissen zum Thema, das für die Eltern gedacht ist. Dieser Abschnitt ist hinten im Buch angesiedelt, es ist aber nicht unklug, ihn zuerst zu lesen.
  • Und es enthält viel Wissen zum Thema für Kinder etwa im Alter zwischen 5 und 11 Jahren, die sich dadurch besser verstehen und einschätzen können: Warum haben wir Ängste? Was passiert dann genau in uns? Wofür ist sie gut? Was kann man tun, wenn sie zu groß wird? u.v.m.
  • Einen großen Part nimmt hierbei auch echtes Mitmachen ein: Auf fast 100 Seiten im Kinder-Teil gibt es immer wieder viele Abschnitte, um zu überlegen, zu zeichnen, Notizen zu machen – um sich selbst besser kennenzulernen und aktiv an den eigenen Ängsten zu arbeiten.

Das alles ist wunderschön aufbereitet mit Illustrationen, festen Figuren wie dem Angstmonster und weiteren rund um die Familie Schlottermann, welche die Lesenden auf ihrem Weg begleiten, und leicht umsetzbaren Impulsen für den Alltag. Herzensempfehlung, wenn Euer Thema zu Hause Angst ist!

(Der dem Rezensionsexemplar beiliegende Brief ist schon so herzig, dass ich gleich weich ins Buch fallen konnte! <3)

Für Fachpersonen:

„Kinder achtsam und bedürfnisorientiert begleiten in Krippe, Kita und Kindertagespflege“ von Lea Wedewardt und Kathrin Hohmann

Es wird Zeit! Dafür dass Bedürfnisorientierung nicht nur einzelne Eltern, einzelne Erzieher:innen, einzelne Lehrkräfte, einzelne Therapeut:innen erreicht. Ja, jede Person ist wichtig. Ja, wir verändern die Welt mit jeder einzelnen guten Beziehung. Und doch führt für mich kein Weg daran vorbei, immer mehr auch in die Instituationen, in die Ausbildung, in die Fortbildungen zu gehen. Das Buch von Lea und Kathrin aus dem Herder Verlag macht diesen wichtigen Schritt.

Auf dem Lektüreweg und in der Arbeit mit dem Werk lernen die Lesenden viel über Grundbedürfnisse, entwicklungspsychologische Abläufe, emotionale Entwicklung und auch über die wichtigen Grundlagen der Gewaltfreiheit (Damit ergänzt das Werk wunderbar das Sachbuch „Seelenprügel“ von Dr. Anke Elisabeth Ballmann.). Des Weiteren setzen sich die Autorinnen auch mit dem Alltag und den Bedürfnissen der Betreuungspersonen auseinander und bringen so beide Blicke zusammen, um für tagtägliche Herausforderungen in der professionellen Kinderbetreuung zahlreiche Handreichungen zu geben. So können die Leser:innen nicht nur eine bedürfnisorientierte Haltung entwickeln, sondern bekommen auch gleich praktischen Input, beispielsweise zur Begleitung der emotionalen Entwicklung der Kinder, aber auich hinsichtlich der intellektuellen Förderung.

Besonders mag ich den Fokus auf Konfliktführung, denn das ist für mich eine der Grundlagen von gelungenen Beziehungen, sowie das Kapitel „Die zehn häufigsten Irrtümer über Beziehungsorientierung“. Alle diese Irrtümer sind mir schon persönlich begegnet und mache die Arbeit und für viele das Familienleben rund um die Einrichtungen schwierig.

Das Buch ist eindeutig auch vom Layout her ein Arbeitsbuch, das vertiefend fortbildet. Die Illustrationen und die Reflexionsfragen helfen beim Verstehen, und besonders auch die herzigen Fotografien lassen die Lesenden nah an den Text kommen. Für mich ist dies ein Buch, das im Jahr 2021 definitiv in die Ausbildung von pädagogischen Fachkräften gehören sollte sowie in jedes Bücherregal der entsprechenden Einrichtungen!

Für alle und besonders für Migränepatient:innen:

„Menschen mit Migräne sind Kämpfer“ von Anna Wichelmann

Anna, die Frau hinter dem Blog Migräne Muräne, hat sich zum Ziel gesetzt, Migränepatient:innen eine Stimme zu geben. Dadurch möchte sie mithelfen, dass ein breiteres Verständnis für diese Erkrankung entstehen kann: Es gibt immer noch viel zu viele Missverständnisse darüber, was Migräne ist, was dagegen helfen kann (und was nicht!), was Menschen mit Migräne von ihrem Umfeld brauchen und auch welche Ängste sie umtreiben.

In diesem Buch sind versammelt Anna eigene Texte und welche von Gastautor:innen sowie fachlichen Input von einem Mediziner. Migräne und Schwangerschaft, Migräne und Kinder, Migräne und Reisen, Migräne und psychische Gesundheit, Migräne und Studium, Migräne und Selbständigkeit… Diverses ist dabei und bietet einen guten Einblick in die Kämpfe der Erkrankten. Ich wünsche mir, dass dieses Werk viele Leser:innen findet, damit endlich mit vielen Vorurteilen aufgeräumt wird!

Das Buch enthält auch hilfreiche Sammlungen an Extras, Ideen und Adressen für Betreoffene selbst. Und: Ich durfte auch einen Text beisteuern, der die Überschrift „Mit Migräne Kinder wagen“ trägt. Weitere Gedanken zum Thema von mir findet ihr hier.

Hinweis: Es wird auch noch ein Gewinnspiel zu einigen Büchern hier von geben, aber das schaffe ich leider erst im August.

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