Begleiten – ist für jeden anders

Wenn Eltern zu mir in die Beratung kommen, haben sie oft viele Fragen zum Umgang mit Gefühlsausbrüchen ihrer eher jüngeren Kinder. Sie erzählen mir Beispielsituationen, und ich versuche ihnen zu zeigen, was alles dahinterstecken kann. Manchmal sieht man nämlich den Wald vor lauter Bäumen nicht, und oft überschätzen Eltern auch, wie viel bewusstes Tun sich hinter Ausrastern verbergen kann. Das kläre ich auf.

Haben die Eltern gelernt, anders auf ihr Kind zu schauen, können sie manches Toben vermeiden, anderes gelassener annehmen.* Dann bleibt die Frage, wie sie genau mit dem Ausflippen umgehen sollen; das Kind hat seine Gefühle noch nicht im Griff und muss dies lernen, dazu braucht es Hilfe durch einen Erwachsenen – und zwar ganz klar: begleitend!

Doch viele fassen den Begriff nicht weit genug. Auch das Begleiten muss man nämlich den Bedürfnissen individuell anpassen.

  • Immer meint es natürlich vor allem „Emotionelle Erste Hilfe“, also in etwa möglichst gelassen „mitsein“ – und nicht akribisch dafür sorgen, dass der Ausbruch schnell vorbeigeht (durch Ablenken, Vermeidung, Nachgeben o.ä.). Sondern austoben lassen und dabei aufpassen dass nichts und niemand zu Schaden kommt.
  • Oft meint es auch dabei sein, reden, singen, streicheln, berühren, festhalten, Möglichlriten zum guten Entspannen zeigen.
  • Manchmal meint es auch nur daneben sitzen.
  • Aber – und das ist vielen nicht klar und verunsichert – es heißt vor allem auch mitschwingen! Und wenn man dabei spürt, dass das Kind seine persönliche Strategie gefunden hat, die zum Beispiel in weggehen, austoben, Abstand wollen und später wieder Nähe suchen besteht, dann ist auch das Akzeptieren und Entfernen bedürfnisorientiertes Begleiten. (Und eigentlich kann man zufrieden und stolz sein, dass sein Kind schon eine erste, ganz gute Strategie gefunden hat.)

Oft sind Eltern hier unsicher, weil sie sich eben entfernen und das Kind alleine lassen. Ist das nicht gemein? Schlecht? Nein, nicht unbedingt. Auf die Art kommt es an:

  • ein gemotztes „Na dann sieh doch zu, wie Du alleine klarkommst!“,
  • ein persönlich enttäuschtes „Du brauchst mich wohl nicht!“ oder „Zieh halt ab!“,
  • oder ein zugewandtes „Ich bin nebenan. Komm jederzeit zurück.“?

Letzteres ist Mitfühlen, Mitsein, Begleiten, wenn eben genau dies zum kindlichen Bedürfnis passt. Dann muss kein Elternteil ein schlechtes Gewissen haben, weil es sich vom Kind entfernt (Ein Schreibaby, dass sich besser im Kinderwagen beruhigt als in einer Trage, soll diesen Abstand ja auch ohne schlechtes Gewissen bekommen, denn nicht Tragen an sich ist bedürfnisorientiert, sondern schauen, was das Kind braucht.). Und wir müssen auch dann kein ungutes Gefühl haben, wenn doch mal etwas kaputt geht. Das ist alles dieser fürchterliche Lernprozess, der bei manchen heftiger ist als bei anderen.

(Manchmal müssen auch wir Eltern gehen, obwohl das Kind dies nicht signalisiert – weil das unser Bedürfnis ist. Das steht auf einem anderen Blatt und ist hier nicht thematisiert.)

*Zu mehr Gelassenheit gehört oft natürlich weiteres als nur Information über das Kind: Selbstfürsorge, Veränderungen an Alltagsabläufen, das Schaffen von mehr Netz o.ä. sind daher dann meist auch Coachinginhalte.

3 thoughts on “Begleiten – ist für jeden anders

  1. Begleiten scheint ja nicht nur für jeden anders sondern auch in dieser coronazeit noch einer besonderen Aufmerksamkeit zu bedürfen. Wenn ich höre, dass gerade jetzt die Gewalt an Kindern zunimmt möchte ich aus der Haut fahren, weil ich es nicht verstehe.

  2. Danke für diesen Blogartikel.
    Ich hatte erst gestern eine Situation in der ich gefordert war zu begleiten.

    Dank dir weiß ich nun, dass ich wohl einiges richtig gemacht hab.

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